Heiligstes Herz Jesu (B)

Hos 11,1.3-4.8a.c-9; Jes 12,2.3 u. 4bcd.5-6 ; Eph 3,8-12.14-19; Joh 19,31-37

Hos 11
1 Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten.
3 Ich war es, der Efraim gehen lehrte, der sie nahm auf seine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie heilen wollte.

4 Mit menschlichen Fesseln zog ich sie, mit Banden der Liebe. Ich war da für sie wie die, die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen.
8 Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich ausliefern, Israel? Wie könnte ich dich preisgeben wie Adma, dich behandeln wie Zebojim? Gegen mich selbst wendet sich mein Herz, heftig entbrannt ist mein Mitleid.
9 Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken und Efraim nicht noch einmal vernichten. Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte. Darum komme ich nicht in der Hitze des Zorns.

Heute am Hochfest des heiligsten Herzens Jesu hören wir einen Abschnitt aus dem Propheten Hosea. Da erinnert sich Gott bzw. erinnert er sein Volk an die „guten alten Zeiten“ und daran, wie der Abwärtstrend seinen Anfang nahm. Es handelt sich also um ein Gotteswort. Die Gottessprüche Hoseas sind wie ein einziges Plädoyer Gottes, wie ein Krisengespräch zwischen zwei Liebenden. Gott hat ein Herz für sein Volk und deshalb geht er in die Konfrontation. Er möchte ein Krisengespräch, damit am Ende die Versöhnung kommt.
Israel wird bei der heutigen Rückschau zunächst nicht als Braut, sondern als Sohn angesehen. Dahinter steht die Heilsgestalt Jakob, der von Gott den Namen Israel erhalten hat und den Vater der zwölf Stämme Israels darstellt. Diesen gewann Gott in seinen jungen Jahren lieb, das heißt als es noch nicht so lange bestand. Gott rief ihn aus Ägypten, er befreite ihn aus der Sklaverei der Ägypter.
Doch die Nachkommen (nun im Plural ausgedrückt) hörten irgendwann nicht mehr auf die Stimme Gottes. Vielmehr liefen sie vor ihr weg. Das meint weniger ein lokales Wegrennen als vielmehr die innerliche Entfremdung von Gott im Verheißenen Land. Sie verehrten die Baale und brachten den Götzen zahlreiche Opfer dar.
Gottes Plädoyer setzt sich fort und die Stämme des Nordreiches, um die es hier geht, werden kurz als „Efraim“ bezeichnet. Eigentlich handelt es sich dabei nur um einen Teilstamm (Efraim und Manasse teilen sich den Stamm Josefs), doch die zehn Stämme des Nordreichs werden bei Hosea in ihrer Gesamtheit oft „Efraim“ genannt. Gott lehrte Efraim also das Gehen und trug es in seinen Armen. Gottes Zärtlichkeit ist den Israeliten so sehr erwiesen worden, was auch durch die Formulierung „die den Säugling an ihre Wangen heben“ deutlich wird. Doch es hat sein Heil nicht wertgeschätzt. Gott hat es mit den Banden der Liebe gezogen und es gehegt und gepflegt. Efraim ist Gott so unendlich wertvoll, dass er durch den Propheten Hosea nun sagt: „Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich ausliefern, Israel?“ So kostbar ist ihm sein auserwähltes Volk. Gott hat Mitleid mit ihm, das nun so sehr an den Konsequenzen der eigenen Sünde leiden muss. Seine Barmherzigkeit ist so groß, dass er es nicht einfach vernichten kann, obwohl es das verdient hätte. Gott ist Gott und nicht Mensch. Er ist absolut gerecht, aber auch absolut barmherzig. Er lässt sich nicht von Emotionen überwältigen und handelt nicht durch unverhältnismäßige Affekte. Gott ist der Heilige. Und er handelt heilig.
Was wir hier lesen, ist sehr wichtig. Oft schließen wir von unserem menschlichen Zorn auf Gottes Zorn. Das ist irreführend, weil bei Gott alles kontrolliert ist, weil er sich nicht von Emotionen leiten lässt, sondern „Zorn“ heißt bei ihm „in seinem Gerechtigkeitssinn angemessen reagieren“. Gott ist nicht launenhaft, sondern heilig. Er zeigt im Laufe der Heilsgeschichte immer wieder sein großes Herz für seine Bündnispartnerin Israel. Sie ist ihm ein Herzensanliegen. Doch das sollte nicht alles sein. Gott war bereit, Israel sein Herz zu schenken. Doch zunächst gehen wir in das Buch Jesaja für den Antwortgesang.

Jes 12
2 Siehe, Gott ist mein Heil; ich vertraue und erschrecke nicht. Denn meine Stärke und mein Lied ist Gott, der HERR. Er wurde mir zum Heil.
3 Ihr werdet Wasser freudig schöpfen aus den Quellen des Heils.
4 Dankt dem HERRN! Ruft seinen Namen an! Macht unter den Völkern seine Taten bekannt, verkündet: Sein Name ist erhaben!
5 Singt dem HERRN, denn Überragendes hat er vollbracht; bekannt gemacht sei dies auf der ganzen Erde.
6 Jauchzt und jubelt, ihr Bewohner Zions; denn groß ist in eurer Mitte der Heilige Israels.

Als Antwort beten wir diesmal keinen Psalm, sondern ein Danklied aus dem Buch Jesaja. Es geht um den Dank der Geretteten vom Zion aus. Es ist kein Danklied, das bereits von jemandem gesungen worden ist, sondern das zukünftig gesungen wird (Vers 1: „An jenem Tag wirst du sagen“). Es hängt zusammen mit der messianischen Verheißung von Jes 11, die vom Spross aus der Wurzel Isais spricht. Was zur Zeit des Jesaja noch aussteht, erfüllt sich mit dem kommenden Messias.
„Siehe, Gott ist mein Heil“. Das kann man wortwörtlich sagen, weil יְשׁוּעָתִ֛י jeschuati „mein Heil“ den Namen Jesu umfasst. Er wird Mensch, um unter uns zu leben! Und weil er so weit geht, nur um uns zu retten, können wir ganz vertrauen. Wir brauchen keine Angst zu haben. Das hat uns Maria wunderbar vorgelebt. Sie hatte keine Angst, sondern vertraute dem Herrn voll und ganz. Sie nahm ihre Berufung an, obwohl sie nicht wusste, wohin die Reise geht. Stück für Stück hat er ihr aber den Weg gewiesen und er hat sie durch alles hindurchgetragen. Er war stets ihre Stärke und ihr Lied. Mit ihr zusammen kann das Volk Gottes des neuen Bundes diese Worte sprechen, denn durch den Kreuzestod hat er das Heil aller Menschen erwirkt! Er hat uns allen seine Liebe erwiesen, indem er uns sein Herz verschenkt hat – verwundet und durchbohrt. Im wörtlichen Sinn kann man dies schon für das Volk Gottes des alten Bundes aussagen: Es wird wirklich aus der politischen Katastrophe gerettet und Gott wird dem Volk zum Heil. Er wird ihre Stärke und Lied sein, sodass sie ihre Freiheit wiedergewinnen werden, nachdem alles in Trümmern zerlegt worden ist. Es wird eine Zeit kommen, in der sie wiederhergestellt werden. Und doch verweisen diese Worte auf ein viel umfassenderes Heil. Dies zeigt uns die wachsende messianische Erwartung. Apokalyptische Elemente nehmen immer mehr zu, sodass ein kommendes Gottesreich der Ewigkeit immer häufiger zur Sprache gebracht wird.
Das freudige Schöpfen von Wasser aus den Quellen des Heils wird demnach schon im Buch Jesaja nicht nur wörtlich verstanden. Es handelt sich um das lebendige Wasser, das von Gott kommt und Totes wiederbelebt. Es handelt sich um ein Bild für den Heiligen Geist. Allegorisch verstanden handelt es sich dabei um das Wasser der Taufe, durch das der Mensch zum ewigen Leben wiedergeboren wird. Es ist derselbe Geist, der die Auferstehung Jesu Christi bewirkt hat. Es ist derselbe Geist, durch den wir die Vergebung der Sünden auch nach unserer Taufe erhalten, wenn wir beichten. Und es ist der Geist, der die neue Schöpfung am Ende der Zeiten bewirken wird. Mit ihm ist die Freude verbunden. Sie ist eine Frucht des Heiligen Geistes und deshalb wird die Ewigkeit ein einziges Freudenmahl sein.
Gott hat an den Israeliten schon so viel Gutes bewirkt. Es ist schon jeden Lobpreis wert. In Vers 4 lesen wir einen regelrechten Missionsauftrag. Was Gott an uns Gutes getan hat, muss weitererzählt werden bei den umliegenden Völkern. Freude muss geteilt werden! Und durch die Verkündigung des Namens Gottes werden auch die anderen Völker zum Glauben an diesen Gott des Heils kommen.
Auch Vers 5 ist in dieser Linie zu lesen. Gottes Heilstaten ziehen als einzig angemessene Reaktion den Gesang für Gott nach sich. Die ganze Erde möge von diesem Gott erfahren! Es erinnert uns sehr an die Worte Jesu vor seiner Himmelfahrt. Die Apostel sollen in die ganze Welt hinausgehen und alle Menschen zu seinen Jüngern machen. Dieser Sendungsauftrag hat somit eine lange Vorgeschichte!
Zum Schluss erfolgt ein weiterer Lobpreisaufruf, denn Gott in ihrer Mitte ist groß. Die „Bewohner Zions“ können unterschiedlich ausgelegt werden. Es meint wörtlich zunächst die Bewohner Jerusalems zur Zeit dieser Prophezeiung. Zugleich betrachten wir es tiefer und erkennen die Bewohner Zions zur Zeit Jesu. Er ist wahrlich Gott in ihrer Mitte. Wenn er real bei ihnen ist, ist der Bräutigam zur Braut gekommen. Das kann keine Trauerzeit sein, sondern ist Grund zur Freude! Der Tempel ist noch da, aber bald ist er zerstört. Gott ist dann aber in eucharistischer Form in ihrer Mitte – bis heute! „Zion“ ist dann nicht mehr das in Trümmern liegende Jerusalem, das durch die Römer zerstört worden ist, sondern die Kirche. Sie ist der Bau, der aus lebendigen Steinen besteht – die Gemeinschaft der Gläubigen. In ihrer Mitte ist Christus real gegenwärtig in den eucharistischen Gestalten. Wir sehen ihn nicht mehr als Menschen, doch er ist genauso präsent wie damals. Wenn uns dies einmal bewusst wird, können wir nicht mehr anders als in der Heiligen Messe voller Lobpreis im Herzen und auf den Lippen zu verweilen. Eucharistie ist Danksagung. Wir preisen in der Messe Gott für seine Heilstaten auf intensivste Weise. Und wenn wir im Stand der Gnade sind, wohnt Gott mitten in uns. Er nimmt Wohnung in unserer Seele, wenn wir getauft werden. Bemühen wir uns, diesen inneren Tempel nicht zu verunreinigen, und preisen wir den Herrn Tag für Tag! Tun wir dies nicht nur mit unseren Lippen, sondern führen wir ein entsprechendes Leben!

Eph 3
8 Mir, dem Geringsten unter allen Heiligen, wurde diese Gnade zuteil: Ich soll den Heiden mit dem Evangelium den unergründlichen Reichtum Christi verkünden
9 und enthüllen, was die Verwirklichung des geheimen Ratschlusses beinhaltet, der von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war.
10 So soll jetzt den Fürsten und Gewalten des himmlischen Bereichs durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes kundgetan werden,
11 nach seinem ewigen Plan, den er durch Christus Jesus, unseren Herrn, ausgeführt hat.
12 In ihm haben wir den freien und vertrauensvollen Zugang, den der Glaube an ihn schenkt.
14 Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater,
15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde seinen Namen hat.
16 Er gebe euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit, dass ihr in Bezug auf den inneren Menschen durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt.
17 Durch den Glauben wohne Christus in euren Herzen, in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet.
18 So sollt ihr mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen
19 und die Liebe Christi zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr erfüllt werden in die ganze Fülle Gottes hinein.

In der zweiten Lesung aus dem Epheserbrief geht es um die weltweite Verkündigung durch den Apostel Paulus. Von Anfang an war es schon der Wille Gottes, dass allen Menschen das Heil zuteilwerden soll. Schon vor Erschaffung der Welt stand fest, dass Christus uns allen sein Herz schenken würde, damit wir erlöst werden würden. Es war ein „geheimer Ratschluss“, weil die Menschen erst darauf vorbereitet werden mussten. Die Geschichte der Bundesschlüsse ist uns ja durch die Hl. Schrift zugänglich und wir sehen, dass der erste Bund ein Ehebund des ersten Menschenpaares war. Von dort aus hat es sich immer mehr ausgeweitet, bis es auf der Höhe der Zeit in einen Bundesschluss mit der ganzen Welt gemündet hat. Deshalb ist es Paulus‘ Aufgabe, nun zur gekommenen Zeit allen, auch gerade den Heiden, das Evangelium Jesu Christi zu verkünden.
Es ist wirklich ein geheimer Ratschluss Gottes gewesen, den auch die unsichtbare Schöpfung nicht kannte: Paulus sagt, dass nun „den Fürsten und Gewalten des himmlischen Bereichs durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes kundgetan werden“ soll. Man kann von der griechischen Wortwahl her an dieser Stelle annehmen, dass nicht nur die Engel nun den Ratschluss Gottes erfahren, sondern auch die Dämonen (ja, auch Engel wissen nicht alles. In 1 Petr wird gesagt, dass die Engel ersehnen, das zu kennen, was die Menschen kennen).
Dieser ewige und geheime Ratschluss wird nun nicht mehr geheim sein und ist den Menschen durch Jesus Christus offenbart worden. Er hat den Zugang zum Vater ermöglicht. Der Schlüssel zu diesem Zugang ist der Glaube an ihn. Wer an Jesus Christus glaubt, wer ihn annimmt, auf ihn schaut und ihm nachahmt, der lernt den Vater kennen. Jesus sagte zu seinen Aposteln, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben sei, dass keiner zum Vater komme, außer durch ihn. An Christus zu glauben, bedeutet nicht einfach nur ein Fürwahrhalten seiner Worte, sondern den Bundesschluss durch die Taufe. Wer sie empfängt, begibt sich auf diesen Weg zum Vater. Und dabei spielt der Glaube die entscheidende Rolle, nicht die Volkszugehörigkeit oder Beschneidung. Er beugt seine Knie vor dem Vater als Geste der Anbetung und der Demütigung vor dem Allmächtigen. Er richtet seine Fürbitten an den Schöpfer, „von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde seinen Namen hat“. Das betrifft nicht die geographischen Angaben von Himmel und Erde in dem Sinne, dass Vögel und Landtiere gemeint sind. Vielmehr ist damit die Unterscheidung in die sichtbare und unsichtbare Schöpfung ausgesagt, also alle sichtbaren Geschöpfe von Pflanze bis zum Menschen und die unsichtbaren Geschöpfe wie die Engel. Diese Unterscheidung meinen wir übrigens auch, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, denn im großen, „nizänokonstantinopolitanischen“ Glaubensbekenntnis gibt es die Formulierung „die sichtbare und die unsichtbare Welt“ im Anschluss an die Schöpferaussagen Gottes.
Gott gebe den Ephesern und darüber hinaus allen Christen eine Zunahme an Kraft und Stärke durch seinen Hl. Geist. Er möchte, dass alle Christen, die im Bund mit Gott leben, immer heiliger, immer treuer, immer profilierter werden. Es kostet auch viel Kraft, gegen den Strom einer zunehmend antichristlichen Gesellschaft zu schwimmen. Das schaffen wir mitnichten aus eigener Kraft! Dafür brauchen wir die Kraft, die Gott uns verleihen will. Er schenkt uns alle Gnaden, die wir zum Überleben brauchen, vor allem den Mut zu einem steten Rückgrat.
Paulus erbittet auch das Wohnen Christi in ihren Herzen. Das ist es ja, was passiert ist bei der Taufe: Gott hat Wohnung genommen im inneren Tempel des Menschen, indem er sein Zelt aufgeschlagen hat in dessen „Herz“, gemeint ist die Seele. Er gibt den Menschen sein Herz, damit sie es in sich aufnehmen, damit sein heiligstes Herz unser Herz nach seinem Herzen bilde, damit Gott wie im Buch Ezechiel angekündigt unser Herz aus Stein ersetzt durch ein Herz von lebendigem Fleisch. Gott kann man aber auch wieder hinauswerfen, indem man sündigt und den Weg Gottes verlässt. Der innere Tempel kann verunreinigt und geschändet werden. Deshalb bittet Paulus auch darum, dass es mit den Ephesern nicht passiert. Das wird dadurch ausgeschlossen, dass die Epheser ihren Glauben nicht verlieren, der „in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet“ ist. Jesus hat bereits zu seinen Aposteln gesagt: „Bleibt in meiner Liebe.“ Das fasst die Worte des Paulus zusammen. Und einige Jahrzehnte später wird es leider wirklich anders aussehen in Ephesus. Es ist, als ob der Völkerapostel prophetisch gehandelt hat, als er dieses Fürbittgebet gesprochen hat. Vielleicht hat er vorausgesehen, was passieren würde: Die Epheser haben ihre erste Liebe verloren. Zwar haben sie ihr Rückgrat behalten, dafür aber wurzelt ihr Glaube nicht mehr in der Liebe und der inneren Begeisterung wie am Anfang. Johannes wird in den sieben Sendschreiben deshalb die Worte des Menschensohns aufschreiben: „Kehr zurück zu deinen ersten Taten!“ (Offb 2,5).
Was unbegreiflich ist mit menschlichem Verstand, die überragende und ewige Liebe Gottes, werden die Christen begreifen, wenn sie vom Hl. Geist erfüllt sind. Dann werden sie ihre Maße erkennen, was hier natürlich bildhaft zu verstehen ist. Liebe ist zunächst ein abstraktes Wort, das keine Gestalt besitzt und deshalb gar keine Maße besitzen kann. Doch zugleich hat sie ganz konkrete Maße – die des Kreuzes, an das der Herr sich festnageln ließ aus Liebe zu uns. Wenn man das Kreuz versteht – und in 1 Kor hat er darüber gesprochen, wie es mit weltlicher Weisheit unbegreiflich ist, für die Griechen Torheit, für die Juden Anstoß – dann hat man die Liebe Gottes verstanden. Und wer sich von diesem verdichteten Ort der Liebe Gottes berühren lässt, wird „in die ganze Fülle Gottes hinein“ erfüllt werden. Was bedeutet das? Das griechische Wort πλήρωμα pleroma für „Fülle“ ist entweder als Reichtum zu verstehen oder in diesem Kontext als Er-Füllung im Sinne einer Vervollkommnung und dem Eintreffen einer Verheißung. Der Mensch wird versöhnt zum Menschen, wie Gott ihn ursprünglich geschaffen hat, wenn er die Realität des Kreuzes Christi gläubig annimmt. Wer das Kreuz umarmt, wird zum Menschen und wird von der Barmherzigkeit Gottes umarmt. Sakramental heißt das für uns: Wer die Erlösung Jesu Christi gläubig annimmt und sich taufen lässt, wird neugeboren zur neuen Schöpfung, wird versöhnt und wiederhergestellt zum Original, wie Gott von Anfang an für die Menschen vorgesehen hat. Wenn er den Leib Christi regelmäßig empfängt, wird er immer mehr zum ursprünglich gedachten Menschen, denn er wird verwandelt in sein Bild. Die Fülle der Gnade wird ihm geschenkt, die die Taufgnade verleiht und die Eucharistie aufrechterhält. Taufe und Eucharistie – die Tradition der Kirche hat gerade diese beiden Sakramente mit dem Blut und Wasser des durchbohrten Herzens in Verbindung gebracht. Im Evangelium wird uns dies wieder vor Augen geführt.

Joh 19
31 Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten – dieser Sabbat war nämlich ein großer Feiertag – , baten die Juden Pilatus, man möge ihnen die Beine zerschlagen und sie dann abnehmen.
32 Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Beine, dann dem andern, der mit ihm gekreuzigt worden war.
33 Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht,
34 sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus.
35 Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres sagt, damit auch ihr glaubt.
36 Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen.
37 Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.

Nachdem Jesus gestorben ist mit den Worten „es ist vollbracht“, sollte er nicht am Kreuz hängen bleiben. Der Rüsttag war der Tag, an dem alles für das große Pessachfest vorbereitet werden sollte. Nach jüdischer Zählung ist es so, dass ein neuer Tag am Abend beginnt, also mit dem Sonnenuntergang. Jesus ist in der neunten Stunde gestorben und sollte vor dem Sonnenuntergang so wie die anderen Leichname abgenommen werden. Am Abend würde ja das große Fest beginnen. Um den Tod der mit ihm gekreuzigten Verbrecher zu beschleunigen – eine Kreuzigung war eigentlich ein langwieriger Prozess, der sich über Tage hinzog – sollten ihre Beine zerschlagen werden. Indem man ihnen die Beine brach, konnten sie sich nicht mehr an ihnen hochziehen, um ab und zu Luft zu bekommen. Wir müssen uns den Kampf eines Gekreuzigten folgendermaßen vorstellen: Man war an Händen und Füßen am Kreuz befestigt und durch die Lage der Arme war es dem Gekreuzigten nicht möglich, auszuatmen. Verlagerte man sein Gewicht auf die Arme, ließ sich also hängen, konnte man zwar einatmen, aber nicht richtig ausatmen. Also musste man sich regelmäßig an den Beinen wieder hochdrücken, um auch wieder ausatmen zu können. Diese Verlagerung war stets mit unerträglichen Schmerzen verbunden. Wenn man einem Gekreuzigten also die Beine zerschlug, konnte dieser sich an den Beinen nicht mehr hochziehen und erstickte innerhalb weniger Minuten.
Die Soldaten verfahren also so mit den Mitgekreuzigten Jesu. Als Jesus dran ist, realisieren sie, dass er bereits tot ist. Zuviel hat er im Laufe seiner Passion durchgemacht, die eskalierte Geißelung (statt 39 Schläge erhielt er über 100…) hat zu einem massiven Blut- und Kräfteverlust geführt. Um aber sicherzustellen, dass er wirklich tot sei, sticht einer der Soldaten mit seiner Lanze in Jesu Seite. Der Beweis seines wirklich eingetretenen Todes ist das Herausfließen von Blut und Wasser. Warum? Weil dies zeigt, dass sein Kreislauf zu jenem Zeitpunkt stehen geblieben ist. Das „Wasser“, das die Anwesenden geschaut haben, kann zudem als Blutserum erklärt werden, das sich aufgrund des Todes Jesu bereits von den Blutzellen getrennt hat, die als rote Farbe noch erkennbar ist. Diese Beobachtung ist aber über die wörtliche Bedeutung hinaus noch viel tiefsinniger wie gesagt. Es ist auf so vielen Ebenen zu betrachten: Einerseits müssen wir es allegorisch deuten als das Wasser des Hl. Geistes, das die Sündenvergebung der Taufe erwirkt, und das Blut als das Opfer Jesu Christi, das in jeder Hl. Messe vergegenwärtigt wird. Taufe und Eucharistie werden sehr oft bei den Kirchenvätern und auch bei Thomas von Aquin mit Blut und Wasser der Seitenwunde Christi erklärt. Diese Beobachtung wird aber auch oft rein eucharistisch gedeutet, denn auch in der Liturgie werden Wein und Wasser in den Kelch gegeben. Das Herz, das uns der Herr schenkt, ist sein eigener Leib. Er gibt uns sein Inneres, seinen Kern. Die eucharistischen Wunder sind uns ein Zeugnis dafür, dass im Leib Christi Jesus uns sein Herz schenkt. Blut und Wasser werden zudem immer wieder auf Jesu zwei Naturen bezogen: das Blut auf seine menschliche Natur, das Wasser auf seine göttliche. Es wird auch ekklesiologisch betrachtet: Aus Christi geöffneter Seite geht die Kirche hervor als das Ursakrament, als seine geliebte Braut antitypisch zur Braut Adams. All die Sakramente und Sakramentalien gehen hervor aus dem Innersten Christi, deshalb können wir sie nicht selbst machen. Betrachten wir die geöffnete Seite auch aus moralischer Sicht: Wir sind als Getaufte hervorgegangen aus dem Leiden und der Ganzhingabe Christi. Mit Blick auf die zweite Lesung sind wir dazu gerufen, ihm mit unserer Ganzhingabe zu antworten, ihm im Gegenzug unser Herz zu schenken, nicht nur innerlich, sondern mit unserem ganzen Leben, mit unserem ganzen Verhalten. Und schließlich dürfen wir sein geöffnetes Herz für uns auch anagogisch betrachten: Immer wieder wird das Bild der Geburt für das Ende der Zeiten gebraucht. Wie sehr muss eine Mutter in ihren Geburtswehen leiden! Doch wenn das Kind dann da ist, sind die Schmerzen vergessen. Es muss bis dahin so kommen, dass die Frau leidet, sonst kann kein neues Leben entstehen. So ist Christus für uns gestorben, hat die schlimmsten Leiden ausgestanden, aber nur so können wir neugeboren werden im Hl. Geist, das ewige Leben empfangen. Und die ganze Welt geht durch das Leiden, besonders aber die Kirche. Das irdische Dasein ist ein einziger Kampf und der sichtbare Teil der Kirche muss viel durchstehen, um am Ende aber den ewigen Triumph das Himmelreiches davonzutragen. Liebe ist Hingabe, Verschenken, auch Durchbohrtwerden. Liebe ist Passion – Liebe geht über die eigene Komfortzone hinaus und endet am Kreuz. Danken wir den Herrn, dass er uns sein Herz geschenkt hat und immer wieder schenkt, sich gleichsam auf unsere Zunge und in unser Herz hineinlegt. Kommunion ist die Begegnung der Herzen. Lassen wir uns heute besonders davon berühren.

Ihre Magstrauss


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